Psychopharmaka
Benkert
5. Auflage, Verlag C.H. Beck, 2009
Vorwort
Der medizinische Laie ist heute oft erstaunlich
gut über Krankheitsbilder, Medikamente und alternative Heilmethoden informiert.
Geht es jedoch um psychiatrische Erkrankungen und Psychopharmaka, also Mittel,
die zur Therapie dieser Leiden verwendet werden, ist dies nicht der Fall. So
schnell man im Alltag mit dem Urteil bei der Hand ist, jemand sei verrückt,
so groß ist die Unsicherheit, wenn man zu einer differenzierten Einschätzung
aufgefordert wird. Erkrankungen wie die Depression oder die Schizophrenie sind
dem Namen nach bekannt; das Wissen über Ursachen und Therapiemöglichkeiten
fehlt weitgehend. Über Krankheitsformen wie die Panikstörung oder die Zwangsstörung,
die auch sehr häufig auftreten, wissen nur wenige gut Bescheid. Entsprechend
niedrig ist der Kenntnisstand über die vielen verschiedenen Therapieformen,
die der Psychiatrie für die jeweiligen Fälle zur Verfügung stehen. Dies gilt
vor allem für die Psychopharmaka. Selbst die wichtigsten Medikamentengruppen
sind immer noch nur wenigen Menschen geläufig.
Eine wichtige Ursache für dieses Informationsdefizit ist die Komplexität der
psychiatrischen Erkrankungen und Therapien sowie die Entwicklungsgeschwindigkeit
im Forschungsfach Psychiatrie. Konzepte, die vor wenigen Jahren noch gültig
waren, sind heute durch neue Erfahrungen und Entdeckungen überholt. Dabei wird
immer deutlicher, dass sich viele der hergebrachten Begriffe und Einteilungen
nicht mehr mit der einst erstrebten Eindeutigkeit aufrechterhalten lassen.
Scheinbar distinkte Krankheitsbilder weisen Überschneidungen auf; zwischen
Normalverhalten und psychiatrischen Krankheiten kennt man fließende Übergänge.
So ist selbst im herkömmlichen ärztlichen Krankheitsverständnis nicht ohne
weiteres klar, wie Depressionen, Angstzustände und Zwangsstörungen mit Migräne
zusammenhängen könnten. Sie kommen häufig zusammen vor. Aber es hilft dem Migränekranken
nicht, wenn er weiß, dass er ein erhöhtes Risiko hat, auch noch depressiv zu
werden. Diesen Zusammenhang im Rahmen eines biologischen Krankheitskonzeptes
erklären zu können, nützt dem Betroffenen schon eher. In diesem Konzept verbindet
die genannten Krankheitsbilder der krankhaft veränderte Stoffwechsel des Serotonins,
eines wichtigen Botenstoffes im Gehirn. Störungen im Serotoninsystem führen
unter anderem zu Migränekopfschmerz, depressiver Stimmung, Angstzuständen und
Zwangsstörungen. Die Klärung dieses Zusammenhangs stellt nicht allein einen
wichtigen Schritt in der modernen Psychopharmakaforschung dar. Die Erkenntnisse
über die Wirkungsweise des Serotonins führten zur Entwicklung hochpotenter
Wirkstoffe – nicht allein gegen Migräne, sondern auch gegen Depressionen, Ängste
und Zwänge. Das Migränemittel Sumatriptan wirkt an Serotoninbindungsstellen
im Gehirn. Bei aller gebotenen Vorsicht in Bezug auf noch unklare Nebenwirkungen
erweist sich die Substanz als sehr wirksam. Sie beschert mittlerweile vielen
Migränepatienten im Anfall eine Schmerzfreiheit, auf die sie nicht mehr zu
hoffen wagten.
Im Rahmen der Erforschung des Serotoninsystems wurden aber auch wirksame Medikamente
gegen depressive Zustände, Angst- und Zwangsstörungen und jetzt sogar gegen
Schizophrenie entwickelt. Auffällig ist dabei, dass Patienten und Angehörige
das Migränemittel mit beachtlicher Nüchternheit bewerten. Chancen und Risiken,
Therapieerfolg und Nebenwirkungen werden ohne erkennbare Voreingenommenheit
gegeneinander abgewogen. Die anderen Serotoninregler, also Mittel aus derselben
Wirkstoffgruppe, die zur Behandlung der als klassisch geltenden psychiatrischen
Erkrankungen eingesetzt werden, betrachtet man jedoch mit großen Vorbehalten.
Dies merkt man bereits an den negativ klingenden Begriffsumschreibungen wie
z. B. «Chemie für die Seele» oder «Stimmungsdrogen».
Im Folgenden sollen Wirkungsweise, Anwendungsmöglichkeiten und Nebenwirkungen
von Psychopharmaka unter Berücksichtigung der Erfahrung und des verfügbaren
Wissens aus international anerkannten, empirischen Befunden und Studien erläutert
werden. Im Rahmen dieser Informationen ist es nicht ohne Belang, wie Psychopharmaka
aus der Sicht von Nicht-Fachleuten eingeschätzt werden. Manche Kritik ist berechtigt
und hilft sowohl dem Arzt als auch dem Forscher, die therapeutischen Möglichkeiten
zu verbessern. Aber auch Urteile, die einen eher emotionalen Hintergrund haben,
müssen ernstgenommen werden. In der Hauptsache sollen jedoch die nicht immer
einfachen, medizinisch-wissenschaftlich belegten Zusammenhänge der Psychopharmakotherapie
zur Sprache kommen.
Dabei besteht die erste Hürde bereits darin, dass es unklar ist, was überhaupt
unter einem «Psychopharmakon» zu verstehen ist. Der Begriff findet sich bereits
im Mittelalter bei Reinhardus Lorchius aus Hadamar (Hadamarius), der 1548 unter
dem Titel Psychopharmacon, hoc est: medicina animae eine Sammlung von Trost-
und Sterbegebeten herausgegeben hat. Das, was man seither unter einer «Medizin
für die Seele» verstand, ist sowohl inhaltlich als auch begrifflich vielfältigen
Wandlungen unterworfen gewesen. Heute bezeichnen wir als Psychopharmaka all
diejenigen Substanzen, für die nach kurzfristiger oder langfristiger Gabe zweifelsfrei
ein Effekt auf die Psyche nachweisbar ist. Dabei muss außerdem sichergestellt
sein, dass die psychischen Wirkungen nicht nur scheinbar von der Substanz herrühren.
Es handelt sich in einem solchen Fall um einen Placeboeffekt, d. h. eine Wirkung
eines Scheinpräparates, das keinerlei pharmakologisch wirksame Substanz enthält.
Solche psychischen Placeboeffekte sind nicht selten und müssen durch methodisch
einwandfreie Studien ausgeschlossen sein. Nun können letztlich viele chemische
Substanzen neben ihren Wirkungen auf den übrigen Körper auch psychotrop wirken,
also psychische Effekte hervorrufen. Zu den Psychopharmaka soll hier jedoch
nur eine kleine Gruppe von speziell definierten Wirksubstanzen gerechnet werden.
Schmerzmittel, Mittel gegen Epilepsien und gegen die Parkinsonsche Erkrankung
wirken auch psychotrop, gehören aber nicht zum engeren Spektrum der Psychopharmaka.
Das gilt ebenso für die in den anderen Bereichen der Medizin verwendeten Substanzen,
die nicht wegen ihrer psychischen Eigenwirkung eingesetzt werden. Auch Drogen,
wie etwa Alkohol, Haschisch oder LSD, haben zweifelsfrei eine psychotrope Wirkung,
zählen jedoch nicht zu den Psychopharmaka, weil sie nicht als Medikamente zur
Behandlung psychiatrischer Störungen anzusehen sind.
Diese Formulierung enthält implizit die Forderung, dass für Psychopharmaka
ein Wirksamkeitsnachweis erbracht werden muss. Das bedeutet letztlich, dass
sie bei der Behandlung eines Krankheitszustandes bessere Wirkung erzielen als
ein Placebopräparat oder als ein anderes, schon als wirksam erkanntes Vergleichspräparat.
Zwei Dinge bedürfen hierzu der näheren Erklärung. Bei psychischen Störungen
handelt es sich um Krankheiten, deren biologisches Korrelat u. a. ein gestörter
Stoffwechsel verschiedener Botenstoffe im Gehirn ist. Derzeit hat man weder
für alle psychiatrischen Krankheiten eine genaue Vorstellung von den gestörten
biologischen Mechanismen, noch weiß man genau, aufgrund welcher Ursachen es
zu diesen Störungen kommt. Diese Ursachen sind nach heutigen Hypothesen beispielsweise
genetisch begründet, eventuell durch bestimmte Viren mitausgelöst oder durch
gewisse Lebensumstände zum Tragen gekommen.
Es handelt sich bei der Behandlung der psychiatrischen Krankheitserscheinungen
durch Psychopharmaka ebenso um eine medizinische Therapie, wie sie auch die
Insulingabe beim zuckerkranken Patienten darstellt. Niemand diskreditiert die
Insulingabe bei krankhaft erhöhtem Blutzucker, weil sie das Wesen der Zuckerkrankheit
nicht erfasst. Die Frage, ob es überhaupt das Wesen einer Krankheit gibt, kann
natürlich nicht in diesem Zusammenhang geklärt werden. Auch diejenigen, die
bei der Kritik der Psychopharmakotherapie damit argumentieren, bleiben eine
solche Diskussion schuldig. Das natürliche Empfinden scheint ihnen dennoch
auf Anhieb Recht zu geben. Man ist intuitiv geneigt, in Phänomenen wie Wahn,
Denkstörungen oder melancholischer Stimmung an das Wesentliche im Menschen
und damit zugleich an ganz spezielle Gründe solcher Erkrankungen zu denken.
Jeder fühlt, dass hier etwas Entscheidenderes tangiert wird, als es Blutzuckerwerte
je sein können. Anstatt allein der Intuition zu trauen, sollte man jedoch eine
differenzierte Analyse vornehmen. Auch eine optimale Insulintherapie – sei
es durch Spritzen von Insulin, durch ein computergesteuertes Insulinpumpsystem
oder letztlich durch Transplantation von insulinproduzierendem Gewebe aus einer
Bauchspeicheldrüse – kann immer nur das eine: die ausgefallene Funktion möglichst
gut ersetzen. Dennoch bezeichnet man das Insulin nicht als chemische Krücke
des Diabetikers. Man sieht darin vielmehr eine wirksame Therapie, auch wenn
sie die Bauchspeicheldrüse nicht wieder funktionstüchtig macht. Auch die Schulung
des Diabetikers, alle Aufklärung und Betreuung dienen letztendlich dem Ziel,
den Blutzuckerspiegel vor großen, als krankhaft definierten Schwankungen zu
bewahren. Man will die Funktion einer gesunden Bauchspeicheldrüse so exakt
wie möglich nachahmen. Nur dann werden die gravierenden Spätfolgen einer Zuckerkrankheit
vermieden. Nach dem Wesen der Krankheit fragt man hier nicht.
Genauso sollte auch die Wirkungsweise von Psychopharmaka verstanden werden.
Auch sie erfassen nicht das Wesen der Depression. Sie sollen nur, und darin
müssen sie weiter optimiert werden, das nicht mehr funktionierende Regelsystem –
beispielsweise des Serotonins im Gehirn – so gut es geht wieder in eine natürliche
Ordnung bringen. So wie man dem Insulin nicht den Vorwurf machen kann, es erfasse
nicht das Eigentliche der Zuckerkrankheit, kann man einem Antidepressivum nicht
vorwerfen, es erfasse nicht das Eigentliche der Depression. Dass eine Krankheit
gravierende Folgen für das Leben eines Menschen haben kann, mit denen er fertig
werden muss, gilt hier wie da. In beiden Fällen muss es aber in der medikamentösen
Behandlungsstrategie nüchtern darum gehen, das zu optimieren, was optimierbar
ist. Dies geschieht eben durch den – methodisch möglichst genauen – Wirksamkeitsnachweis
für das betreffende Krankheitsbild.
Hier bedarf es einer zweiten Erläuterung. Die Definition der Krankheitsbilder
in der Psychiatrie befindet sich im Umbruch. Darauf wird bei der Besprechung
der einzelnen Psychopharmakagruppen noch einzugehen sein. Das Ausmaß der Neuerungen
wird am ehesten am Begriff der «Neurose» klar: Während er noch in aller (Laien-)Munde
ist, wurde er bereits vor Jahren in der amerikanischen (und international anerkannten)
Klassifizierung psychiatrischer Krankheiten aufgegeben. International anerkannte
Experten haben sich längst darauf geeinigt, dass es das, was man gemeinhin
als Neurose bezeichnet, in dem neuen Konzept nicht mehr gibt. Die alte Einteilung
psychiatrischer Krankheiten beruhte auf ätiologischen Gesichtspunkten, also
die vermeintliche Ursache der Krankheit war der Ausgangspunkt einer diagnostischen
Einteilung. Die neue Klassifikation beruht dagegen auf phänomenologischen Kriterien,
also auf der primär nur beschreibenden Darstellung und Einteilung der Krankheitsbilder.
Dadurch wird vermieden, eine Erklärung in ein Krankheitsbild hineinzulegen,
die man noch gar nicht hat. In der alten Vorstellung glaubte man, dass Neurosen
einen rein psychischen Ursprung haben, Psychosen wie die Schizophrenie (also
die eigentlichen Geisteskrankheiten) aber körperlich bedingt seien. Diese Unterscheidung
trägt nicht mehr. Über die biologischen Ursachen der verschiedenen Krankheitsbilder
weiß man noch zu wenig. Daher hat man sich darauf geeinigt, nur das klar Beschreibbare
zur Krankheitsdefinition heranzuziehen, wie beispielsweise den Grad und die
Art der depressiven Stimmung. Diese Form der Einteilung setzt sich auch in
anderen Gebieten der Medizin durch. In der Neurologie wird die Einteilung der
Kopfschmerzen jetzt ebenfalls nach rein phänomenologischen Gesichtspunkten
vorgenommen. Damit ist es aber auch gelungen, Krankheitsbilder neu zu definieren
und besser zu behandeln, die früher in den Neurosen oder den
Persönlichkeitsstörungen
untergingen. So kennen wir heute verschiedene Formen der Angsterkrankungen
wie etwa Panikstörungen, die vor etwa zwei Jahrzehnten noch nicht definiert
waren. Das macht aber auch deutlich, dass dort, wo die Einteilung der psychischen
Krankheiten schwankt, auch eine Zuordnung der Medikamente, deren Wirksamkeit
auf psychische Krankheiten geprüft werden soll, schwerer fällt. Im Moment hilft
man sich noch so, dass alte Einteilungsformen beibehalten werden, einzelne
Präparate jedoch nach ihrem Wirkspektrum differenziert beurteilt werden. So
sollen auch in diesem Buch die Psychopharmaka in der bisher üblichen Weise
untergliedert werden:
• Antidepressiva, als die Gruppe von Medikamenten, die im Wesentlichen Depressionen
bekämpfen helfen, aber auch bei Angsterkrankungen, Zwangsstörungen und vielen
weiteren seelischen Erkrankungen eingesetzt werden.
• Antipsychotika, die gegen wichtige Merkmale psychotischen Geschehens, wie
etwa Wahn oder Halluzinationen, gerichtet sind; sie sind auch zur Beruhigung
bei schwerer Erregung indiziert.
• Anxiolytika sind Beruhigungsmittel mit einer schnell wirkenden angstlösenden
Komponente.
• Hypnotika sind Schlafmittel; diese Gruppe setzt sich aus sehr verschiedenen
Substanzen zusammen.
Es soll an dieser Stelle besonders darauf hingewiesen werden, dass Antidepressiva
nicht nur Depressionen, sondern u. a. auch chronische Schmerzen sowie Angst-
und Zwangszustände lindern. Anxiolytika beruhigen nicht nur, sondern können
auch eine schwere Hemmung oder wahnhafte Erstarrung (Stupor) lösen helfen.
Gerade diese Befunde der modernen Psychopharmakologie und das eingangs beschriebene
Beispiel aus der Migräneforschung machen deutlich, welchen Stellenwert der
Forschung mit Psychopharmaka in der Psychiatrie und den gesamten Neurowissenschaften
zukommt. Ihre klinische Wirksamkeit auf bestimmte psychiatrische Krankheitsbilder
erlaubt eine daran gekoppelte, erfolgversprechende Forschungsstrategie. Wirkmechanismen
von Psychopharmaka geben indirekt Aufschluss über die neurobiologischen Grundlagen
psychischer Störungen. Das öffnet uns ein Fenster zum Gehirn (window to the
brain). Spekulationen über das Wesen der Migräne und der Depression haben letztlich
nicht zu wirkungsvollen Medikamenten geführt. Erst die Verortung des biologischen
Zusammenhangs im Serotoninsystem konnte das leisten (s. Kap. III. 9.).
Ihren vollen Wert können Psychopharmaka natürlich erst dann entfalten, wenn
sie in einem Gesamtbehandlungsplan, der eine optimale Therapiestrategie für
den Patienten beinhaltet, eingebettet sind. Pharmakotherapie und Psychotherapie
sollen sich sinnvoll ergänzen. Insbesondere bei den chronischen Erkrankungen
ist die Soziotherapie ein unabdingbares Element der Therapie. Es reicht heute
nicht mehr aus, etwa in Langzeitstudien nachzuweisen, dass ein Medikament die
Häufigkeitvon Krankheitsepisoden zu verringern vermag. Vielmehr muss auch die
Lebensqualität des Patienten verbessert werden. Welche Therapieverfahren insgesamt
dem Patienten am besten helfen, muss mit empirischen Methoden überprüft werden.
Verhaltenstherapie und tiefenpsychologische Methoden müssen sich dieser Prüfung
ebenso unterziehen wie sozialtherapeutische Maßnahmen.